Was sind toxische Menschen Lesezeit ca. 9 Minuten

Alle(s) toxisch!?

36 Prozent der erwachsenen Deutschen geben an, schon einmal in einer toxischen Beziehung gewesen zu sein (hier geht es zur Studie). Umgerechnet sind das ca. 25 Millionen Menschen. Das ist schon eine ganz schöne Hausnummer, oder!?

Darüber, wie eine solche giftige Beziehung entsteht, sind sich die meisten Ratgeber, Blogs und Social Media-Beiträge einig:

Ein toxischer Mensch trifft auf einen nicht-toxischen Menschen.

Kein Wunder also, dass ich oft gefragt werde, was einen toxischen Menschen ausmacht. Schließlich möchte niemand an einen solchen geraten. Entsprechend groß ist die Enttäuschung, wenn ich nicht etwa fünf Merkmale aus der Pistole schieße, sondern vorsichtig darauf verweise, dass dies – genauer betrachtet – nicht nur eine komplizierte, sondern zumeist auch eine sinnlose Frage ist.

Meinen Beobachtungen zufolge kann das Erklärungsmodell Toxiker trifft Nicht-Toxiker längst nicht die ganze Bandbreite an ungesunden, toxischen Beziehungen erklären. Schlimmer noch: Der Irrglaube, Menschen in toxische und nicht toxische Exemplare unterscheiden zu müssen, ist für viele Menschen eher ein Problem als eine Hilfe.

Warum das so ist, möchte ich dir gern im folgenden Beitrag erklären.

(Ich distanziere mich ausdrücklich von jeglichem Victim blaming! Um dahingehend möglichen Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich dich bitten, diesen Artikel unbedingt bis zum Ende zu lesen.)

Wann ist ein Mensch toxisch?

Der Begriff toxischer Mensch ist (ebenso übrigens wie der Begriff der toxischen Beziehung) ein populärwissenschaftlicher und kein wissenschaftlicher. Das ist schon einmal ein grundsätzliches Problem, denn das heißt u.a., dass ihn grundsätzlich jede*r definieren kann, wie er/sie lustig ist.

Eine dieser mögliche Definitionen habe ich in einem Online-Lexikon gefunden. Dort heißt es:

Bei toxischen Menschen

„handelt es sich um eine Gruppe von Menschen, die ein bestimmtes Verhaltensmuster zeigen, sich egoistisch, habgierig, unbescheiden und unfair verhalten, und es auch mit der Wahrheit nicht sehr genau nehmen. Einem toxischen Menschen ist jedes Mittel recht, um die eigenen Ziele zu erreichen, seine Meinungen durchzusetzen oder einen Vorteil zu erzielen. Toxische Menschen zeigen selten Schuldgefühle, wenn sie andere verletzt haben, d. h., ihr Gefühl für richtig und falsch ist wenig ausgeprägt, sie glauben stets, sie selbst haben Recht und die anderen Unrecht.

Toxische Menschen verhalten sich daher oft grenzüberschreitend und übergriffig, wobei dieses Verhalten sowohl im beruflichen als auch privaten Kontext auftreten kann. In Persönlichkeitstests haben toxische Menschen in den Bereichen Ehrlichkeit und Bescheidenheit niedrige Werte und neigen dazu, sich ständig in den Mittelpunkt zu stellen. Ihre soziale Kompetenz zeigt sich daran, dass sie die toxischen Anteile ihrer Persönlichkeit durch soziale Fähigkeiten ausgleichen, die es ihnen ermöglichen, bei anderen Menschen gut anzukommen.“ (Stangl, 2022).

Mir fallen auf Anhieb zwei Dinge auf:

1. Nicht die Menschen selbst sind offenbar toxisch, sondern ihr Verhalten. Ebenso wie nicht Beziehungen toxisch sind, sondern Dynamiken. Das macht einen Unterschied.

2. Toxische Verhaltensweisen von nicht-toxischen Verhaltensweisen abzugrenzen, scheint gar nicht so einfach zu sein. Ich meine, sind wir nicht alle ab und zu mal egoistisch? Und nehmen wir es nicht alle manchmal nicht ganz so genau mit der Wahrheit?

Lass uns diese beiden Aspekte ein wenig vertiefen.

Warum wir aufhören sollten, von toxischen Menschen zu sprechen

Fakt 1: Nicht Menschen sind toxisch, sondern ihr Verhalten ist es

Ein Menschen als solcher ist nicht toxisch, sein Verhalten, das er als Beziehung zu einem anderen Menschen an den Tag legt, ist es.

Das ist ein bisschen wie beim Fliegenpilz, der für sich im Wald stehend nichts anrichtet; wenn er gegessen wird aber schon. Fliegenpilze essen wir in der Regel nicht. Das Wissen darüber, dass sie giftig sind, reicht uns. Bei Beziehungen sieht das oft anders aus. Wir greifen beherzt zu.

Modewort toxisch
Nicht Menschen sind toxisch, sondern ihr Verhalten ist es.

Wir lassen zu, dass unser Gegenüber uns anlügt, seine Bedürfnisse dauerhaft vor unsere stellt, dass er sich nicht entschuldigt, die Wahrheit verdreht oder uns den Kontakt zu unseren gleichgeschlechtlichen Freund*innen verbietet.

Was hat das zur Folge?

Wir brauchen keine Schutzschilde gegen toxische Menschen (denn die gibt es ja gar nicht), sondern wir brauchen Schutzschilde gegen Verhaltensweisen, die uns schaden.

Wir müssen in der Lage sein (oder in die Lage versetzt werden) zu erkennen, was uns schadet. Wir müssen in der Lage sein, für uns einzustehen, wenn es nötig wird. Wir müssen uns abzugrenzen und mögliche Disharmonie und Konflikte in Kauf nehmen können. Wir müssen in der Lage sein, psychische Gewalt zu erkennen und uns gegen sie zu stellen. Und wir müssen in der Lage sein, uns schlussendlich zu trennen, wenn es innerhalb der Beziehung keine Lösung gibt.

Ergo ist der Endgegner nicht das toxische Gegenüber, sondern man selbst bzw. die eigene Beziehungsgeschichte, die eigenen Beziehungsmuster und Glaubenssätze.

Und von diesem Umstand lenkt das Konzept des toxischen Menschen ab. Denn es legt den Fokus auf unser Gegenüber statt auf uns selbst.

Fakt 2: Kein Mensch zeigt ausschließlich toxisches Verhalten, weil kein Mensch ausschließlich toxische und/oder „gestörte“ Persönlichkeitsanteile hat

Kein Mensch bzw. kein menschliches Verhalten ist immer und ausschließlich böse bzw. toxisch. Und das ist für uns Menschen oft nahezu unerträglich. Denn wir wollen möglichst einfach kategorisieren, weil es effizient ist. Und weil es unserem dualistischen gut-böse-Weltbild entspricht.

Und wenn nun ein Mensch mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung plötzlich total nett mit dem Nachbarskind oder dem Hund ist, wenn es auch schöne, liebevolle Momente gibt, wenn er ein schönes Geschenk mitbringt etc., dann bekommen die Beziehungspartner*innen das nicht zusammen. Eine große Unsicherheit entsteht.

Menschen sind nicht nur toxisch oder gesund
Menschen sind nicht nur toxisch oder gesund.

Dieses Problem wird dadurch angefeuert, dass uns suggeriert wird, dass ein Mensch, der toxisch, destruktiv, persönlichkeitsgestört (wie immer man das Kind nennen will) ist, nur und ausschließlich toxisches Verhalten an den Tag legt.

Ergo: Zeigt ein Mensch auch einmal nicht-toxisches Verhalten, kann er auch kein „toxischer Mensch“ sein. Und das ist schlicht Unsinn. Beides ist wahr. Und das Gute macht das Schlechte nicht weniger schlecht und umgekehrt.

Was hat das zur Folge?

Wir müssen uns damit anfreunden, dass Menschen komplex sind, dass Beziehungen komplex sind. Wir werden dieser Komplexität nur gerecht, wenn wir sie aufzeigen, und nicht, wenn wir versuchen, sie mit einer schwarz-weiß-Denkweise zu vereinfachen.

Die Partner*in, der/die dir dreist ins Gesicht lügt, kann der Mensch sein, der dich abends zärtlich streichelt, die Mutter, die dich für ihre Zwecke instrumentalisiert, kann gleichzeitig die sein, die dir abends eine Geschichte vorliest, und die Freundin, die dir immer ein offenes Ohr schenkt, kann die selbe sein, die Stunden später eine Intrige gegen dich spinnt.

So ist der Mensch. Er hat viele verschiedene Persönlichkeitsanteile. Er ist nicht schwarz-weiß. Er ist grau.

Warum wir aufhören sollten von toxischen Menschen zu sprechen
Menschen und Beziehungen sind komplex.

Wir sind wir uns sicher schnell einig, dass ein Mensch, der psychische Gewalt ausübt, ein weitaus höheres toxisches Verhaltenspotential hat, als ein Mensch, der dies nicht tut. Da gibt es nichts zu diskutieren.

Doch was ist mit einem Menschen, der vermehrt, aber längst nicht immer lügt, der Nähe ungern zulässt, der im Streit herumbrüllt? Was mit einem, bei dem toxische und nicht toxische Anteile 50/50 verteilt sind? Und ab wann sind wir ebenso toxisch für unser Gegenüber wie dieser für uns?

Selbstverständlich gibt es Psychopath*innen, Soziopath*innen und andere Menschen, die vermehrt „schwarzes“ Verhalten an den Tag legen, aber am Ende bleibt ein Großteil der Menschheit in seiner Gesamtkomposition grau.

Und grau kann man mit schwarz-weiß, mit Toxiker und Nicht-Toxiker eben nicht erklären.

ABER: Ich habe gute Nachrichten für dich! Es ist überhaupt nicht wichtig, ob dein Gegenüber noch gesund, schon toxisch oder irgendwo im grau ist. Du brauchst die Antwort nicht kennen, um dich zu lösen oder um gemeinsam mit deiner Partner*in an eurer Dynamik zu arbeiten.

(Wenn du mehr darüber erfahren willst, ob und wie man eine toxische Beziehungsdynamik auflösen kann, lies gern in dem Beitrag Kann man eine toxische Beziehung retten? weiter.)

Fakt 3: Das Konzept des toxischen Menschen forciert Schuld statt Verantwortung

Kund*innen interessiert zu Coachingbeginn meist eine einzige Frage: Habe ich es mit einer Narzisst*in/ einem toxischen Menschen zu tun?

Ich frage dann immer: „Was wäre anders, wenn du wüsstest, dass er/sie ein toxischer Mensch wäre?“

Die Antwort ist fast immer: „Dann wäre das alles nicht meine Schuld. Dann wäre ich sicher, dass ich das Richtige tue. Dann könnte ich gehen.“

Aber – und das ist wirklich wichtig: In Beziehungen zwischen zwei Erwachsenen (in Eltern-Kind-Beziehungen ist die Lage ein wenig komplizierter) geht es nicht um Schuld! Es geht um (Eigen-)Verantwortung.

Und um Verantwortung für sich und/oder für die Beziehung zu übernehmen, ist die Beantwortung dieser oder ähnlicher Fragen nicht wichtig. Im Gegenteil: In der Fragen-Endlosschleife zu hängen, hindert dich daran, ins Handeln zu kommen. Sie ist ein permanentes Ablenkungsmanöver.

Buch toxische Beziehungen erkennen
Das etwas andere Buch zu toxischen Beziehungen

Jeder Mensch kann und darf sich jederzeit trennen oder den Wunsch äußern, eine Beziehung verändern zu wollen – ganz gleich, ob seine Beziehungspartner*in schädlich, gewalttätig oder gesund ist.

So sollte die Frage nicht lauten: „Ist mein Gegenüber toxisch?“, sondern:

  • Warum bleibe ich bei einem Menschen bzw. in einer Dynamik, die mir schadet?
  • Warum darf ich an meiner Situation nichts verändern?
  • Was brauche ich, um es zu dürfen?

Was hat das zur Folge?

Wenn wir weiter von toxischen Menschen sprechen, kann dies zur Folge haben, dass man an diesen Punkt gar nicht kommt. Weil der Fokus auf dem anderen liegt und nicht auf einem selbst. Weil der Generator falsch gelagert ist.

Und so passiert es nicht selten, dass nach einer Trennung die nächste destruktive Bindung eingegangen wird, weil die eigenen Themen nicht einfach wie von Zauberhand verschwinden.

Ein Großteil der Menschen, die in toxische Dynamiken geraten, haben diese oder ähnliche bereits in ihrer Kindheit erfahren. Und dies gilt es aufzuarbeiten, wenn man dauerhaft in toxische Beziehungsdynamiken gerät.

(Du willst mehr darüber erfahren? Hier findest du einen Artikel zu toxischen Familien.)

Fakt 4: Menschen, die vermehrt toxisches Verhalten an den Tag legen, werden mit dem Toxiker-Modell stigmatisiert

Ich beobachte vermehrt, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen, Persönlichkeits- und oder Bindungsstörungen im Netz regelrecht gebasht werden, weil der Begriff toxisch an allen Ecken und Enden überstrapaziert wird.

Privatpersonen mag dies offenstehen – auch weil es nicht selten zum Heilungsprozess dazugehört, Therapeut*innen, Berater*innen und Coaches allerdings nicht. Es kann und darf nicht sein, dass Menschen öffentlich zu Beziehungspartner*innen zweiter Klasse degradiert werden. Das hilft niemandem.

Stigma toxischer Mensch
Der Begriff „toxisch“ fördert Stigmatisierungen.

Was hat das zur Folge?

Ein Mensch, der eifersüchtig, egoistisch oder ein Lügner ist, ist nicht toxisch. Er ist eifersüchtig, egoistisch und ein Lügner. Und ein Mensch ist nicht giftig oder widerwärtig, er ist krank und/oder hat (ebenfalls) schlimme Dinge erfahren müssen.

Das entbindet ihn ganz gewiss nicht von seiner Verantwortung, aber umso wichtiger ist es, dass auch er Unterstützung bekommen kann.

Und zwar nicht von seiner Beziehungspartner*in, sondern von qualifizierten Fachleuten. Ist dies nicht gegeben, werden sich Beziehungspartner*innen nur noch mehr berufen fühlen, selbst diese Unterstützung sein zu wollen.

Ich sage ganz ehrlich, wenn ich mich für eine sogenannte Toxikerin hielte, fühlte ich mich nicht eingeladen, mir Hilfe zu holen. Ich hätte sicher manches Mal das Gefühl, Abschaum zu sein. Und das finde ich mehr als bedauerlich, denn jeder Mensch hat Unterstützung verdient. Ob diese dann angenommen wird oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Aber sie muss theoretisch gegeben sein.

Toxische Menschen: Fazit

Im Ursprung des Toxic-Booms sehe ich einen großen Gewinn: Psychische Gewalt ist mehr und mehr in den Fokus des öffentlichen Interesses geraten und entsprechend haben Gewaltopfer die benötigte und längst überfällige Beachtung gefunden.

Aber mittlerweile ist der Begriff toxisch, wie es so oft mit Modewörtern passiert, überstrapaziert. Die alle erdenklichen Themen übergreifende, exponentielle Verwendung ist einfach nicht (mehr) hilfreich. Sie führt nicht selten zu einer undifferenzierten Betrachtung von Menschen, Beziehungsproblematiken und Themen wie Schuld und Verantwortung.

Komplexität und Graubereiche werden zu stark vereinfacht. Menschen werden verunsichert, stigmatisiert, trennen sich, obwohl es vielleicht jede Menge Wachstumspotential mit dem Gegenüber gäbe und Opfer von Gewalt werden in die gleiche Schublade gesteckt wie Menschen, die mit jemandem zusammen sind, der schlecht Nähe zulassen kann oder klammert. Damit ist keinem geholfen.

Schlussendlich kann ein Dualismus die Komplexität des Menschseins und der zwischenmenschlichen Beziehungen nicht (oder wenn überhaupt nur in absoluten Ausnahmefällen) erklären. Das muss nicht jeder Mensch, der akut in einer toxischen Dynamik steckt, wissen, Fachleute aber schon.

Bildquellen: Giftflaschen @ Jalyn Bryce, Brauseherzen @ Regina, bunte Glasfiguren @ Peggy, Paar @ Mohamed Chermiti, lizenzfrei über pixabay

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