Toxische Beziehungen erkennen: Was ist eine toxische Beziehung?

Zunächst ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, dass es die toxische Beziehung bzw. die toxischen Beziehungen nicht gibt.

Auch wenn meist im Zusammenhang mit dem Begriff toxische Beziehung der Begriff Narzissmus fällt, ist die Beziehung zu einer Narzisst*in meiner Auffassung nach nur eine von vielen Ausprägungen, die eine toxische Beziehung annehmen kann.

Grundsätzlich kann jede Beziehung zu einer toxischen Beziehung werden. Ganz gleich ob es sich dabei um eine Partnerschaft, eine Freundschaft, die Beziehung zu Kolleg*innen oder zu Familienmitgliedern handelt.

Toxisch heißt zunächst ja erst einmal nichts anderes, als dass etwas, hier kein Gift, sondern ein Mensch, schädlich auf einen anderen Menschen einwirkt.

Damit eine Beziehung schädlich bzw. nicht förderlich ist, braucht es lediglich zwei Menschen, die eine Dynamik entwickeln, die mindestens einem der Beziehungsparter*innen dauerhaft nicht gut tut und dennoch nicht verändert oder beendet werden kann.

Toxische Beziehungen erzeugen Leid
Toxische Beziehungen erzeugen Leid und können trotzdem nicht verändert oder beendet werden

Dementprechend sind meiner Erfahrung nach in den meisten Fällen nicht Menschen als solche toxisch, sondern die Dynamik, die von einem oder beiden Beziehungspartner*innen generiert wird, ist toxisch.

Diese Erkenntnis kann unter Umständen einen kleiner aber feiner Unterschied im Umgang mit toxischen Beziehungen machen. Doch dazu später mehr.

Lass uns zunächst schauen, woran du erkennen kannst, ob du dich aktuell in einer toxischen Beziehung befindest oder nicht.

Woran erkenne ich, ob (m)eine Beziehung (schon) eine toxische Beziehung oder (noch) eine gesunde Beziehung ist?

Bisher gibt es im wissenschaftlichen Diskurs keine eindeutige Definition für eine toxische Beziehung.

Man kann also nicht einfach – so wie man es bei einer Depression oder Angststörung machen kann – in einen Diagnosekatalog hineinschauen und dort anhand der aufgeführten Symptome überprüfen, ob man sich in einer toxischen Beziehung befindet oder nicht.

Ich habe mich daher im Rahmen meines Buchprojektes (das Buch Toxische Beziehungen erkennen und sich aus ihnen lösen erscheint im Oktober 2022 im Junfermannverlag und kann schon jetzt vorbestellt werden) bemüht, eine Definition für toxische Beziehungen zu erstellen.

Ich hoffe, dass diese dir, die du wahrscheinlich gerade Orientierung und Unterstützung suchst, ein wenig helfen kann.

Definition: Toxische Beziehung

Unter toxischen Beziehungen verstehe ich all jene Formen zwischenmenschlicher Beziehungen (Paarbeziehungen, Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, Familienbeziehungen usw.), die eine einseitig oder wechselseitig generierte Beziehungsdynamik aufweisen, welche mindestens einer der beiden Beziehungspartner*innen dauerhaft physischen und/oder psychischen Schaden zufügt. 
Trotz teils immenser körperlicher und/oder seelischer Leiden gelingt es den Beziehungspartner*innen nicht, die vorherrschende Beziehungsdynamik nachhaltig zu verändern oder die Beziehung zu beenden. 
(Annika Felber, 2022)
Toxische Beziehungen erkennen
Toxische Beziehungen erkennen: Eine Frage des Leidensdrucks

Dieser Definition folgend ist also der Leidensdruck der entscheidene Parameter dafür, ob eine Beziehung zu einer Partner*in, Freundin oder Kolleg*in schon als toxisch oder noch als gesund einzustufen ist.

Und so entscheidest du in erster Linie selbst, ob du deine Beziehung als toxische Beziehung bezeichnen würdest oder nicht.

Bei dieser Entscheidung können dir möglicherweise folgende Fragen behilflich sein:

  • Wie hoch ist dein bzw. euer Leidensdruck?
  • Willst du eigentlich etwas verändern, schaffst es aber (vielleicht auch immer wieder) nicht?
  • Bist du wie in einer Art Sog gefangen und verfällst roboterartig immer wieder in die selben Verhaltensmuster?

Wenn du diese Fragen (vielleicht auch erst einmal „nur“ intuitiv) mit Ja beantwortest, kann es Sinn machen, noch einmal etwas genauer hinzuschauen. Vielleicht können dich die folgenden Informationen dabei ja ein wenig unterstützen.

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Toxische Beziehungen erkennen: Einseitige und beidseitige toxische Beziehungen

Meiner Erfahrung nach gibt es zwei Formen von toxischen Beziehungen.

Je nachdem mit welcher Form du es zu tun hast, entscheidet sich, was du tun bzw. auch nicht tun kannst.

Einseitige toxische Beziehungen

Zum einen können toxische Beziehungen bzw. toxische Beziehungsdynamiken alleinig von einer der Beziehungspartner*innen generiert werden. Ich nenne diese einseitige toxische Beziehungen.

Unter einseitig generierte toxische Beziehungen fallen insbesondere Beziehungen zu Gewalttäter*innen und Narzisst*innen.

Einseitig generierte toxische Beziehung
Einseitig generierte toxische Beziehungen können traumatisierend sein

Entscheidend ist, dass in diesen Beziehungen eine dauerhafte, absichtliche und systematische Manipulation des Gegenübers stattfindet. Eine solche Manipulation kann in Form von physischer und/oder psychischer Gewalt, wie z.B. Lovebombing, Gaslighting, Schuldumkehr u.v.m., realisiert werden.

Wenn du dich in einer solchen Beziehung befindest, trägst du als Betroffene definitiv keine Mitverantwortung für die Entstehung eure Beziehungsdynamik.

Du trägst einzig und allein eine Verantwortung dafür, wie es für dich weitergeht.

Du hast nichts falsch gemacht. Dementsprechend wird es auch nichts nützen, wenn du dein eigenes Verhalten veränderst.

Wenn du den Verdacht hegst oder vielleicht bereits die Gewissheit hast, dass du dich in einer einseitig generierten toxischen Beziehung befindest, rate ich dir dringend, dir eine – wie auch immer geartete – professionelle Unterstützung zu holen.

Möglicherweise kann es auch sinnvoll sein, dich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Weitere Informationen findest du z.B. hier.

Die Methoden von Gewalttäter*innen und Narzisst*innen zielen systematisch darauf ab, dich in eine emotionale Abhängigkeit zu verstricken.

Sie wollen bewirken, dass du nicht gehen kannst. In den allermeisten Fällen gelingt ihnen dieses Vorhaben eben auch.

Narzissmus und emotionale Abhängigkeit
Einseitig generierte toxische Beziehungen zeichnen sich u.a. dadurch aus,
dass deine Beziehungsparter*in versucht, dich abhängig zu machen

Es ist also ganz und gar keine Schande und du bist auch ganz sicher nicht allein damit, wenn es dir bisher nicht gelungen ist, dich aus einer solchen toxischen Beziehung zu lösen. Die Unfähigkeit einfach so gehen zu können, liegt vielmehr in der Natur der Sache.

Toxische Beziehungen erkennen: Woher weiß ich, ob ich es mit einer Narzisst*in zu tun habe?

Meines Erachtens wird der Begriff Narzissmus aktuell (zu) oft genutzt.

Das ist zum einen gut, weil das Bewusstsein für diese Problematik großflächig geschärft wird.

Andererseits kann eine überproportionale Begriffsverwendung eben auch dazu führen, dass eine Flut unterschiedlichster (teilweise laienhafter) Informationen grassiert, die es für Betroffene nicht unbedingt leichter, sondern manchmal durchaus schwerer macht.

Außerdem besteht m.E. die Gefahr, dass der Begriff Narzissmus verwässert und so im schlimmsten Fall die Bedrohung echten narzisstischen Missbrauchs nicht (mehr) richtig eingeschätzt oder sogar verharmlost wird.

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist und bleibt eine Diagnose, die ausschließlich von Ärzt*innen, Psychiater*innen und Psycholog*innen gestellt werden darf.

Selbstverständlich kannst du dich dennoch an den aktuellen Kriterien, die für eine Diagnose erfüllt sein müssen, orientieren. Diese kannst du z.B. in diesen Erläuterungen zur narzisstsichen Persönlichkeitsstörung aus der aktuellen Version des amerikanischen Diagnosekatalog, kurz DSM 5, nachlesen.

Ich rate dir darüber hinaus Folgendes: Vertraue deiner Intuition und gehe ihr sorgsam nach. Du wirst spüren, wenn du es mit einer Narzisst*in zu tun hast.

Beidseitige toxische Beziehung

Beidseitige oder wechselseitige toxische Beziehungen werden, wie der Name schon vermuten lässt, im Gegensatz zu einseitigen toxischen Beziehungen von beiden Beziehungspartner*innen generiert und am Leben gehalten.

Es herrscht also keine Opfer-Täter*innen-Verbindung vor, sondern eher eine Art Schlüssel-Schloss Verbindung.

Toxische Freundschaften Schlüssel Schloss Prinzip
Beidseitige toxische Beziehungen funktionieren häufig nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip

Da beide Partner*innen, Freund*innen oder Kolleg*innen an der Entstehung und Aufrechterhaltung der destruktiven Dynamik sind, sind auch beide Beziehungspartner*innen verantwortlich für das entstehen und auflösen einer solchen Verbindung.

Woran du wechselseitige, toxische Beziehungen erkennst

Entscheidend ist immer, dass die vorherrschende Beziehungsdynamik dauerhaft vorherrscht und dass mindestens eine der Beziehungspartner*innen unter der Beziehung leidet.

Wenn z.B. eine Freundin nach der Trennung von ihrer Partner*in einen großen Redebedarf hat und du ihr in dieser Phase dementsprechend vielleicht mehr zuhörst als sie dir, ist sicher ganz normal und ganz und gar nicht besorgniserregend oder gar toxisch.

Auch eine Kolleg*in, die dich für einen absehbaren Zeitraum darum bittet, ihr etwas Arbeit abzunehmen oder eine Partner*in, die z.B. in einer Krise mehr nimmt als gibt, sind weit weg davon, toxisch für dich zu sein.

Wenn diese Situation allerdings zum Dauerzustand wird, kann sie für beide Beziehungsparter*innen ins Kontraproduktive oder gar ins Destruktive kippen.

Wenn dieser Moment gekommen ist, wirst du es in der Regel (meist auch körperlich) spüren.

Wenn du trotz psychischen und physischen Leids an deiner Situation nichts änderst, steckst du vermutlich schon mittendrin in der emotionalen Abhängigkeit.

emotionale Abhängigkeit in toxischen Beziehungen
Toxische Beziehungen gehen mit emotionaler Abhängigkeit einher

Diese ist nämlich u.a. dadurch gekennzeichnet, dass du trotz besseren Wissens (oder Spürens) nicht (mehr) in der Lage bist, aus eigener Kraft aktiv und langfristig etwas an der Situation zu verändern.

Beispiele für beidseitige toxische Beziehungen

Partnerschaften, Freundschaften oder Beziehungen zu Kolleg*innen in denen

  • der Ausgleich zwischen Geben und Nehmen nicht stimmt
  • der Ausgleich zwischen Autonomie und Bindung nicht stimmt (z.B. Freundschaft Plus, Eltern-Kind-Dynamik in Paarbeziehungen, Retter*in-Helfer*in- Dynamik in Freundschaften etc.)
  • beide Beziehungsparter*innen in Konkurrenz zueinander stehen
  • die Augenhöhe sich nicht stimmig anfühlt

Weitere Beispiele spiele findest du z.B. in folgenden Beiträgen

Destruktive Beziehungsmuster erkennen und überwinden

Toxische Beziehungen erkennen – Teil 3 toxische Freundschaften

Ursachen für toxische Beziehungen

Warum Menschen in toxische Beziehungen geraten, kann man meines Erachtens nicht pauschal beantworten. Dafür sind Menschen in ihrer Individualität viel zu komplex. Ich würde sagen, alle Menschen, die ich bisher gecoacht habe, hatten mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Was ich allerdings schon beobachten kann, ist, dass in einseitigen toxische Beziehungen ein weitaus stärkeres Abhängigkeitspotential, welches durch die Täter*in ja auch willentlich und systematisch generiert wird, vorhanden ist.

Hier ist die Eigendynamik derart stark, dass es m.E, zu einfach wäre, zu behaupten, dass – um es vereinfacht auszudrücken – schwierige Beziehungen in der Kindheit „Schuld an allem“ sind.

Dennoch würde ich durchaus behaupten, dass Menschen mit unverarbeiteten Kindheitsthemen zwar vielleicht nicht anfälliger dafür sind, in eine einseitige toxische Beziehung zu geraten (niemand kennt einen Menschen nach ein paar Treffen), sie sich aber

  1. schwerer tun, auf ihre Intuiton zu hören
  2. und es ihnen schwerer fällt, den endgültigen Ausstieg zu finden.
Buch toxische Beziehungen erkennen

Bei wechselseitigen toxischen Beziehungen ist das meinen Beobachtungen zufolge anders. Was die Menschen hier zusammenhält, ist eher das Altbekannte, das Vertraute und die Gewohnheit und weniger die Eigendynamik.

In dieser Art Beziehung wiederholen Menschen häufig, was sie schon als Kind in der Beziehung zu den Eltern getan haben, z.B. mehr geben als nehmen, zu viel oder zu wenig Bindung leben, eigene Bedürfnisse in den Hinter- oder auch in den Vordergrund stellen etc.

In meinem Buch, das ab dem 19. Oktober erhältlich und jetzt schon vorbestellbar ist, beschäftige ich mich u.a. mit den möglichen Ursachen ausführlicher.

Was du tun kannst, wenn du dich in einer toxischen Beziehung befindest

Dein Handlungsspielraum in toxischen Beziehungen hängt zunächst einmal davon ob, ob du dich in einer einseitigen oder in einer wechselseitigen toxischen Beziehung befindest.

Einseitige toxische Beziehung

In einer einseitigen toxischen Beziehung mit einer Gewalttäter*in oder einer Narzisst*in bleibt dir meiner Erfahrung nach kein Spielraum für große Rettungsexperimente. Dafür ist die Situation schlicht zu Ernst und die Gefaht für Körper und Seele zu groß.

Es soll ja im Leben immer Ausnahmen geben (ich will ehrlich sein: mir ist noch keine begenget, bei der es langfristig gut ging), aber aus meiner Sicht kannst du nur eines tun:

Dich in von dieser Person trennen! Und das möglichst schnell.

Dabei ist es ganz gleich, ob es sich um eine romatische Beziehung, eine Freundschaft, eine Arbeitsbeziehung oder eine Familienbeziehung handelt.

Du solltest das System möglichst schnell verlassen, denn nur, wenn du dich nicht mehr im Wirkungskreis der Manipulator*in bist, kannst du wieder klar sehen.

Trennung toxische Beziehung
So weh es auch tun man, aber: Bei einer einseitgen toxischen Beziehung bleibt dir nur die Trennung

Da dein Gegenüber nur eines im Sinn hat, nämlich dich für die eigenen Bedürfnisse zu nutzen und dich um jeden Preis in der Bindung zu halten, bist du in deinen eigenen Handlungen machtlos.

Du hast zu eurer Misere nichts beigetragen. Was willst du da also verändern?

Nur die Generator*in selbst könnte etwas an der Dynamik verändern. Aber warum sollte er/sie eine Dynamik verändern, die er/sie selbst zum eigenen Nutzen generiert hat!?

Da eine Lösung aus einer einseitigen toxischen Beziehung schwer bis nahezu unmöglich sein kann (bzw. es dir in der Situation so erscheint, als wäre es so), rate ich dir, dich am besten mit anderen Menschen zu verbinden, z.B. auf social media (unter entsprechenden Hashtags – Pass nur am besten ein bisschen auf, einige schwarze Schafe wollen – wie bei jedem Thema – Geld mit dem Leid anderer machen) oder in einer SHG.

Manchmal kann es auch Sinn machen, sich eine professionelle Unterstützung in Form eines Coachings oder einer Psychotherapie (in diesem Verzeichnis kannst du nach Psychotherapeuten in deine Region suchen) zu suchen.

Wechselseitige toxische Beziehung

In einer wechselseitigen toxischen Beziehung sieht die Situation ganz anders aus.

In dieser Verbindung kann es durchaus gelingen, die auftretenden Probleme als Chance zu nutzen, an der nicht nur eure Beziehung selbst, sondern auch ihr beide als Menschen, wachsen könnt. Euer Gegenüber zeigt euch quasi, was es für euch (noch) zu lernen gibt.

Einzige Grundvoraussetzung hierfür ist, dass ihr beide bereit seid, sowohl an eurer Lebens- und Beziehungsgeschichte auch als auch an eurer aktuellen Beziehungsdynamik zu arbeiten.

Wie genau das gelingen kann, kannst du z.B. in diesem Beitrag nachlesen. Oder aber noch viel ausführlicher in meinem bald erscheinenden Buch 😉 .

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