Toxische Bezeihungsdynamiken: mehr geben als der andere Lesezeit ca. 8 Minuten

Toxische Beziehungsdynamiken auflösen: Was du tun kannst, wenn du ein Gebertyp bist

Gestern habe ich im Netz einen Beitrag über toxische Freundschaften gelesen. Bereits in der ersten Zeile stand, dass Freund:innen, die dauerhaft mehr nehmen als geben, toxisch seien und dass man sich von diesen fernhalten müsse, um ein selbstbestimmtes und glückliches Leben zu führen.

Solche Artikel stoßen mir ganz schön sauer auf.

Warum?

Sie vermitteln, dass Nehmer:innen per se Täter:innen sind und Geber:innen per se Opfer. Das finde ich nicht nur problematisch, sondern schlicht falsch. Zudem entsteht der Eindruck, dass man als Gebertyp seine Probleme dadurch lösen kann, dass man bis zum Ende aller Tage Nehmer:innen aus dem Weg geht.

Aus meiner jahrelangen Erfahrung als Coachin kann ich nur sagen: So einfach ist das nicht!

Warum geben nicht immer seliger als nehmen ist und was du wirklich tun kannst, wenn du ein Gebertyp bist, möchte ich dir im folgenden Beitrag zeigen.

Toxische Beziehungsdynamiken: Wenn der Ausgleich zwischen Geben und Nehmen nicht stimmt

Wir sind uns sicher schnell einig, dass gesunde Beziehungen jeglicher Art dauerhaft gleichberechtigt und auf Augenhöhe stattfinden sollten. Hierzu gehört unter anderem, dass keiner langfristig mehr investieren sollte als der andere.

Beziehungen geben und nehmen
In Beziehungen sollte der Ausgleich
von Geben und Nehmen stimmen.

Stimmt in Partnerschaften, Freundschaften oder Arbeitsbeziehungen der Ausgleich zwischen Geben und Nehmen nicht, sind für beide (!) Beziehungspartner:innen die Probleme vorprogrammiert.

(Du möchtest mehr über toxische Beziehungsdynamiken erfahren? Dann könnten meine Beiträge über toxische Freundschaften und toxische Paarbeziehungen vielleicht etwas für dich sein.)

Die imaginäre Strichliste vom Geben und Nehmen

Die meisten Menschen haben eine sehr feine Wahrnehmung für ein stimmiges Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen.

Sie führen eine Art imaginäre Strichliste, auf der abgespeichert wird, wer wann was gegeben bzw. genommen hat. Wird diese Liste zu eigenen Ungunsten überstrapaziert, stellen sich zumeist Enttäuschung, Trotz und latente Wut ein.

Du kennst das vielleicht:

Wenn du in den letzten vier Jahren drei Mal etwas Schönes zu eurem Jahrestag organisiert hast und dein:e Partner:in nur ein Mal, dann wirst du das wissen – und ob du willst oder nicht: Es wird sich ein ungutes Gefühl einstellen, welches du nur mit bewusstem rationalen Gegensteuern schmälern kannst.

Ähnliches hast du möglicherweise auch schon einmal in einer Freundschaft erlebt: Wenn du einer Freundin über einen längeren Zeitraum stundenlang zuhörst und sie dir nur am Rande ein offenes Ohr schenkt, weißt du das. Ebenso, wenn deine Kollegin dich dreimal um einen Gefallen gebeten hat, selbst aber immer zu viel zu tun hat, um etwas für dich mitzuerledigen.

Dieses stumme Wissen führt irgendwann dazu, dass Enttäuschung und Wut sich breitmachen. Zum Glück! Denn deine Emotionen wollen dir den Hinweis darauf geben, dass du dringend etwas an der Situation verändern solltest.

Geben-Nehmen-Strichliste
Menschen führen eine imaginäre Liste
über den Ausgleich von Geben und Nehmen.

Leider passiert nun häufig Folgendes: Viele Geber:innen tun nichts oder zu wenig, um etwas an der bestehenden Dynamik zu verändern.

Dafür kann es ganz unterschiedliche Gründe geben. Diese Gründe – man nennt sie auch Sekundärgewinn – zu kennen, kann der erste Schritt sein, um die Geberrolle endgültig aufgeben zu können.

Doch dazu später mehr, lass uns zunächst schauen, woran du erkennen kannst, dass du in Beziehungen ein Gebertyp bist

Woran du erkennen kannst, dass du ein Gebertyp bist

Dass du in Beziehungen mehr gibst als nimmst, kannst du z.B. an folgenden Parametern erkennen:

  • Du bist bekannt dafür, alles für deine Liebsten zu tun.
  • Du hast häufig Gedanken wie „Keiner weiß zu schätzen, was ich eigentlich alles tue“ und du fühlst dich oft ausgenutzt von anderen.
  • Du bist häufig müde und erschöpft und fühlst dich scheinbar grundlos ausgebrannt.
  • Du hast das Gefühl, nicht zu reichen.
  • Du kannst nur schlecht Hilfe oder Komplimente annehmen.
  • Du fühlst dich oft einsam.
  • Du sagst im Streit Dinge wie: „Aber ich tue doch alles für dich!“
  • Du bist in Beziehung ganz anders als im Solo-Status und du selbst und/oder andere haben häufig den Eindruck, dass du dich in einer Beziehung komplett verlierst.

Wenn du dich hier wiedererkennst, hast du wahrscheinlich schon einiges versucht, um etwas an deinen Beziehungsmustern zu verändern. Vermutlich hat es bisher nicht zum erwünschten Erfolg geführt, denn sonst läsest du diesen Beitrag vermutlich nicht.

Was du tun kannst, wenn du ein Gebertyp bist

Ich kann an dieser Stelle meine Tipps und Impulse nur anreißen. Wenn du mehr in die Tiefe gehen möchtest, findest du ausführliche Anregungen und Übungen in meinem Buch.

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1. Finde deinen Sekundärgewinn

Wenn wir etwas verändern wollen, aber es uns nicht so recht gelingen mag, kann das daran liegen, dass wir (noch immer) einen indirekten Gewinn aus unserem Verhalten ziehen. Dieser kann durchaus zunächst paradox oder widersinnig erscheinen.

Mögliche Sekundärgewinne des Gebertypendaseins:

  • Kontrolle über die Situation/Beziehung haben zu können, weil man bestimmt, was getan und nicht getan wird
  • sich nicht mit den eigenen Themen beschäftigen zu müssen, weil die Themen der anderen immer wichtiger sind
  • den anderen von sich abhängig machen zu können, weil er oder sie in einer ewigen Bringschuld steht
  • das eigene Leben und deine Zukunft nicht selbst gestalten zu müssen, weil man es abhängig von deinen Beziehungspartner:innen machen kann
  • alte Glaubenssätze und Beziehungsmuster aus der Kindheit wiederholen zu können.

Wichtig: Was du tust, tust du nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil deine Psyche einen Lösungsweg darin sieht.

Möglicherweise wird es Zeit, ihr neue Lösungswege anzubieten!

2. Erkenne, dass in erwachsenen Beziehungen die Verantwortung immer 50/50 ist

Niemand kann dich zwingen, mehr zu geben als du willst, außer du selbst.

In Beziehungen tragen beide die Verantwortung
In Beziehungen zwischen zwei Erwachsenen tragen
beide die Verantwortung für die Dynamik.

Such die Verantwortung für deine bzw. eure Misere nicht (weiter) ausschließlich in deinem Gegenüber. Eine Dynamik generiert sich immer über zwei Menschen und so tragt ihr auch beide euren Anteil dazu bei, dass Geben und Nehmen bei euch aus dem Gleichgewicht gekommen ist.

(Wenn du mehr zum Thema toxische Menschen wissen möchtest, könnte mein Beitrag Wann ist ein Mensch toxisch? vielleicht hilfreich für dich sein.)

3. Übe, Kontrolle abzugeben und zu nehmen

Wenn du in Partnerschaften, Freundschaften oder im Kolleg*innenkreis dazu tendierst, mehr zu geben als zu nehmen, kann es hilfreich sein, (wieder) zu lernen, Verantwortung und Kontrolle abzugeben.

Frage dich, was du brauchtest, damit dir dies gelingen kann.

Verdeutliche zuerst dir und dann deinem Gegenüber, dass sie oder er auch etwas für dich tun kann. Mache möglichst konkrete Angaben wie z. B. „Plan doch du bitte dieses Mal unseren nächsten Sonntagnachmittag“ oder „das Problem auf der Arbeit macht mir wirklich zu schaffen, bitte nimm dir dafür bei unserem heutigen Treffen 30 Minuten Zeit“.

Du kannst auch bei alltäglichen Dingen Unterstützung anfordern, z.B. beim Renovieren, beim Planen der nächsten Feier oder beim Korrigieren einer schriftlichen Arbeit.

4. Setze Grenzen

Grenzen zu setzen ist für viele Menschen ein schwieriges Unterfangen.

Um deine Grenzen setzen zu können, musst du erst einmal wissen und spüren, wo deine Grenzen liegen. Hierfür ist es wichtig, dass du dir Zeit für dich nimmst, um mit dir selbst „in Verbindung zu treten“.

Selbstliebe in toxischen Beziehungsdynamiken
Beschäftige dich mit dir selbst statt mit deinem Gegenüber.

Was ist dir wichtig? Was sind deine Bedürfnisse? Wer möchtest du sein? Was wünscht du dir von Beziehungen? Was wünscht du dir von dir?

Erst im zweiten Schritt kannst du beginnen, Grenzen selbstsicher zu kommunizieren. Schnell wirst du merken, dass die meisten Menschen positiver auf deine Grenzsetzung reagieren, als du vorher dachtest, und dass es immer leichter wird, sich für dich selbst einzusetzen.

5. Beschäftige dich mit deinen Themen

Wir sind nicht so geboren, wie wir sind, sondern wir sind dazu geworden. Was glaubst du, hat dich zum Gebertypen gemacht?

Glaubst du vielleicht, dass du nur Liebe und Zuneigung bekommst, wenn du dich selbst unsichtbar machst? Hast du Angst vor Konflikten, die auftreten könnten, wenn du einmal Nein sagst? Hattest du vielleicht bedürftige Eltern und bist es daher schlicht gewohnt, die Geberrolle auszufüllen?

Versuche, dich und deine individuelle Geschichte zu verstehen, damit du an ihr arbeiten und in Zukunft andere Wege gehen kannst.

(Vielleicht interessiert dich in diesem Zusammenhang mein Beitrag zu toxischen Familienstrukturen.)

6. Suche das Gespräch

Du und dein Gegenüber haben vielleicht unterschiedliche Themen, aber wahrscheinlich sitzt ihr in einem Boot. Ihr wiederholt, was ihr kennt. Dies kann eine wunderbare Chance sein, aneinander zu wachsen.

Toxische Beziehungen auflösen
Ein Gespräch kann dazu beitragen, aneinander zu wachsen.

Sprich mit deiner Partner:in, Freund:in oder Kolleg:in über deine Gefühle, deine Motive und deine Wünsche. Erkläre ihr oder ihm möglichst wertfrei, was du in eurer Beziehung beobachtest. Höchstwahrscheinlich hat sie dies selbst längst beobachtet und vielleicht ist sie oder er ebenso wie du gewillt, etwas daran zu verändern.

Mit einem solchen Gespräch kannst du nur gewinnen, denn entweder findet ihr eine gemeinsame Lösung oder du weißt, dass in dieser Beziehung „nichts mehr zu holen“ ist.

7. Trenne dich von Menschen, die sich nicht mitverändern wollen

Wenn du feststellen solltest, dass dein Gegenüber nicht versteht, was du ihm sagen willst, oder wenn es die Schuld (weiterhin) nur bei dir sucht, dann kann es sinnvoll sein, den Kontakt zu dieser Person einzustellen und dich in neue Verbindungen zu begeben.

Denn ganz sicher gibt es da draußen genug Menschen, die auf einen Menschen wie dich warten.

Fazit: Toxische Beziehungsdynamiken auflösen: Was du tun kannst, wenn du ein Gebertyp bist

Wenn du etwas an deinen Beziehungen verändern möchtest, ist es wichtig, dass du dir klar machst, dass du immer nur etwas an dir selbst und niemals am Gegenüber verändern kannst. Mit deinem Gegenüber allerdings schon ;-).

In einer Beziehung zwischen zwei Erwachsenen tragen immer beide 50 Prozent der Verantwortung. Und nun wird es Zeit, deine zu übernehmen und aus der Passivität ins Handeln zu kommen.

Finde heraus, worin deine Motive liegen, dass du ein Gebertyp bist. Verbinde dich mit dir, deinen Bedürfnissen und deinen Grenzen. Kommuniziere diese, lerne Kontrolle und Verantwortung auch einmal abzugeben und sei offen für ein wertfreies Gespräch, in dem ihr euch gegenseitig begegnen und besser verstehen könnt.

Dein Pendant kann das, was du bisher nicht gut kannst und umgekehrt. Da liegt also ziemlich viel Potential in eurer Partnerschaft, Freundschaft oder Arbeitsbeziehung.

Btw: Stehst du auf der anderen Seite und bist ein Nehmertyp? Einer, von dem immer wieder unreflektiert behauptet wird, dass er toxisch sei? Dann kann ich dich beruhigen. Du bist nicht per se toxisch.

Du hast deine ganz eigenen Themen, die du schlicht anders verarbeitest als der Gebertyp (oft sind diese Themen nicht einmal so unterschiedlich, wie sie zunächst scheinen).Wenn du mehr dazu wissen willst, findest du viele Tipps und Anregungen in meinem Buch oder in diesem Podcastinterview bei Let´s Flourish.

Bildquellen Pixabay: Bonbons ©S. Hermann/F. Richter; Waage ©Evgeniya Bond, Tagebuch führen ©free stock photos from www.picjumbo.com, Fotostudio ©Pexels, Frau am Handy ©StockSnap, Zwei Menschen vor Wasserfall ©Pexels

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